Craftquelle Bonn

Kein Morricone mehr an Silvester

Christoph Steinhauer erkundet die Craftbier-Szene in EindhovenKurztrip zum Jahreswechsel nach Eindhoven

Von der Craftbier-Szene in der niederländischen Stadt Eindhoven habe ich schon viel gehört. Ich war aber noch nie dort. Von Bonn aus dauert die Autofahrt gerademal 1,5 Stunden. Also beschließen wir Silvester 2019 dort zu verbringen und bei der Gelegenheit das Angebot an Brauereien, Bars und Stores zu erkunden. Es wird ein wirklich ein entspannter Trip, der mir darüber hinaus auch noch eine Lektion in Sachen Drinkability erteilt. Doch dazu später.

Ausflug zu La Trappe

La Trappe Schild am Kloster
Im Kloster Koeningshoeven wird seit 1884 Bier gebraut
Eingang zum Kloster
Der Eingang zum Kloster Koeningshoeven

Unser Hotelzimmer liegt mitten in der Innenstadt in bester Lage keine fünf Gehminuten vom zentralen Kirchplatz entfernt und umgeben von unzähligen netten Restaurants, Kneipen und Bars. Da wir aber vom 29.12.19 bis zum 01.01.20 bleiben, haben wir genug Zeit uns in der Umgebung ein bisschen umzusehen. Und was bietet sich da besser an, als einen Abstecher zur Abtei Koningshoeven in der Nähe von Tilburg zu machen, wo das berühmte Trappistenbier La Trappe gebraut wird. Von Eindhoven ist das Kloster in einer halben Stunde mit dem Auto zu erreichen. Es liegt umgeben von Wiesen und Feldern in der wunderschönen Landschaft von Noord-Brabant. Die Klosteranlage ist riesig. Es gibt viele Nebengebäude, in denen auch die Brauerei untergebracht ist. Außerdem befinden sich auf dem Gelände ein Klosterladen, wo das La Trappe Bier in Flaschen verkauft wird und ein Verkostungraum wo man essen und das hier gebraute Bier frisch aus dem Fass trinken kann. Es werden auch geführte Besichtigungen angeboten. Die Teilnahme kostet 12 Euro und dauert 45 Minuten. Ein Getränk freier Wahl ist im Preis inbegriffen.

Der Eingang zum Verkostungslokal
Der Eingang zum Verkostungslokal
Außenbereich La Trappe
Hier kann man im Sommer schön im Freien sitzen und das leckere La Trappe Bier trinken

Die Gründung des Klosters geht auf die Säkularisierung der Klöster in Frankreich im 19. Jahrhundert zurück. Französische Trappistenmönche, die aus dem Kloster Notre-Dame de la Trappe in der Normandie vertrieben wurden, fanden hier in der niederländischen Provinz Brabant Zuflucht und gründeten im Jahr 1881 ein neues Kloster, das zunächst nur aus einem Gehöft und einem Schafstall bestand. Der Name „Konningshoeven“ geht auf den früheren Eigentümer des Gehöfts König Wilhelm II. zurück. Schon kurz darauf im Jahr 1884 beschlossen die Mönche Bier zu brauen, um sich selbst zu versorgen und Mildtätigkeit üben zu können. Diese Tradition wird von den Mönchen bis heute gelebt.

Rustikales Essen im Kloster Koeningshoeven
Im Verkostungslokal kann man auch essen

Da wir unseren Hund dabei haben müssen wir diesmal auf die Brauereibesichtigung verzichten. Im Verkostungslokal hat man aber ein Herz für Vierbeiner, so dass wie wir einkehren können. Das Lokal ist in einem sehr schönen mit Ried gedeckten kleinen Häuschen untergebracht und verfügt über einen großzügigen Außenbereich, wo man im Sommer mitten in der Natur und mit Blick auf die Abtei sitzen kann. Da schmeckt das Bier und das von den Mönchen selbst hergestellte Brot mit dem Abteikäse nochmal viel besser. Selbst jetzt im Winter ist es hier einfach nur herrlich. Der anschließende Spaziergang durch die traumhaft schöne Seen- und Waldlandschaft der nur einen Katzensprung entfernten Gemeinde Oisterwijk krönt diesen Ausflug.

Taumlandschaft Oisterwijk
Die traumhaft schöne Landschaft in Oisterwijk

Seenlandschaft in Oisterwijk

Hier kan man sehr schöne Wanderungen machen

 

Was Eindhoven in Sachen Bier zu bieten hat

Eingang des van Moll Brewpubs in EindhovenWir kehren zurück nach Eindhoven. Es ist noch Zeit genug, sich die Stadt anzuschauen. Das Herz des Crafbeerliebhabers höher schlagen lässt die Brouwerij van Moll, die einmal im Jahr ihr berühmtes van Moll-Craftbeer-Fest veranstaltet. Jedes Mal im  August kommen für zwei Tage rund dreißig niederländische und internationale Brauereien nach Eindhoven, um Craftbeer zu zelebrieren. Auf dem 2019er Fest etwa nahmen unter anderem die Brauereien Northern Monk, Alvinne, Pohjala und Frau Gruber teil. Im Brewpub der Brauerei in der Innenstadt gibt es immer rund 40 Biere von Van Moll und Gastbrauereien aus dem Fass. Daneben noch rund 100 Biere aus Flaschen. Ein weiteres Muss in Sachen Craftbeer ist die Stadsbrouwerij Eindhoven und das 100 Watt Cafe, wo man lecker essen und rund 30 Biere vom Fass trinken kann. Das große ehemalige Fabrikgebäude liegt direkt an der Dommel, dem kleinen Fluss, der durch Eindhoven fließt. Hier gibt es auch geführte Touren durch die Brauerei und spezielle Verkostungen.

Drinkers Pub in EindhovenAlleine mit diesen beiden Location übertrifft das kleinere Eindhoven alles, was es in Bonn oder sogar Köln in Sachen Craftbeer-Bars gibt. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. In der rummeligen Kneipengasse Stratumseind findet sich neben den rund 50 Kneipen und Restaurants auch so eine Perle wie den Bierprofessor, eine urige Kneipe, in der man über 250 verschiedene Biere probieren kann. Eine sogar noch viel größere Auswahl gibt es im Drinkers Pub in der Kerkstraat. Hier gibt es unglaubliche 1000 verschiedene Biere – alleine 30 davon vom Fass.

Strijp-S - kreatives Viertel auf dem ehemaligen PhillipsgeländeAuf keinen Fall verpassen solltet Ihr den Bezirk Strijp-S, der außerhalb der Innenstadt liegt. Auf dem ehemaligen Philips-Gelände ist in den letzten Jahren ein ganz neuer Stadtteil entstanden. Die Stadtplaner haben die historischen Fabrikhallen in einem einzigartigen Stadtentwicklungsprojekt restauriert und umgewandelt. Künstler, Designer, Theatermacher und Musiker nutzen die Räume für Ausstellungen und Events. Zusätzlich wurde aber auch Raum für Wohnen und Arbeiten geschaffen, sodass eine spannende und kreative Atmosphäre entstanden ist.  Auch in Sachen Craftbeer wird man hier mit der Brouwerij het Veem fündig. Eine Craft Beer Brauerei mit schönem Verkostungsraum. Zur Auswahl stehen 24 Fassbiere – noch mehr Bier gibt es in dem angeschlossenen Bottle-Shop.

Der Bierbrigadier

Über 600 Biere beim Bierbrigadier
Beim Bierbrigadier gibt es über 600 verschiedene Biere – darunter echte Raritäten

Wer Bier shoppen möchte, wird in Eindhoven bestens bedient. Legendär ist der Bottlestore Bierbrigadier. Hier gibt es eine große Auswahl von unglaublich seltenen Bieren. Der Bierbrigadier importiert selbst zum Beispiel aus Island, Schweden, USA oder so exotischen Ländern wie Rumänien. Ja – ich habe dort tatsächlich eine Flasche einer Brauerei aus Rumänien gekauft. In den Store könnte ich mich reinlegen – aber zum Glück habe ich ja selbst einen Bottlestore für Craft Beer in Bonn. Mittlerweile gibt es neben dem ersten Store in Eindhoven drei weitere in Tillburg, Roermond und Nijmegen.

Casper, der 2015 den ersten Store in Eindhoven eröffnet hat, erzählt mir, dass er früher bei van Moll gearbeitet hat. Dann hat er sich mit einem eigenen Ladengeschäft selbstständig gemacht und ist mit 250 verschiedenen Bieren Bierregal beim Bierbridadier in Eindhovengestartet – heute sind mehr als 600 Biersorten in seinem ständig wechselnden Sortiment. Und dennoch, sagt er, wäre auch in Holland die Craft Beer Szene im Vergleich zum Konsum von Marken wie Heineken oder Amstel immer noch eine winzige Nische. Die Importeure, mit denen er zusammenarbeitet, machen das zum Teil immer noch als Hobby und verdienen ihr Geld mit anderen Jobs. Dennoch kann der Bierbrigadier auf vier Jahre enormen Wachstums zurückblicken. Die Niederlande sind uns gefühlt zehn Jahre voraus was Craft Beer betrifft. Das kann man hier in Eindhoven besonders gut beobachten. Denn neben dem Bierbrigadier gibt es mindestens noch vier weitere Bottle-Stores für Craft Beer, die offenbar alle nebeneinander existieren können. Das ist schon der Wahnsinn für eine Stadt mit nur 230.000 Einwohnern.

Der Silvesterabend und die Lektion in Sachen Drinkability

Eingang Restaurant Fling in Einhoven  Am Silvesterabend wollen wir zuerst schön essen und dann zur New Years Eve Party in den Brewpub von Van Moll, der nur wenige Schritte von unserem Hotel entfernt ist. So zumindest der Plan. Tickets für die Party haben wir schon am Vortag gekauft. Wir essen in einem Restaurant mit dem Namen „Fling“. Es befindet sich einem einen historischen, prunkvollem Stadthaus und bietet Fusionküche aus Asien und Frankreich. Auf der Getränkekarte ist immerhin ein IPA von Brand zu finden, das ich einmal in einer Kneipe in Haarlem getrunken habe und mir damals nicht so gut gefallen hat. Diesmal aber zur Vorspeise (Sushi/Sashimi Mix) schmeckt es mir überraschend gut. Aber wie es sich für ein gutes Restaurant in Holland gehört, finden sich noch verschiedene belgische Biere auf der Karte, mit denen ich gut durch den Abend komme. Das Affligem Triple wähle ich zum Zwischengang (Gebratene Shrimps mit Knoblauch und Pfeffer) und auch das passt perfekt. Das Dubble von Affigem zum Hauptgang (Kabeljau mit Sauce Hollandaise und Pommes Frittes) ist ein bisschen gewagt – aber auch das funktioniert sehr gut. Das Dubble hätte auch wunderbar zum ebenfalls angebotenen Steak gepasst, aber da ich schon seit Jahren keine Säugetiere mehr esse, kam das für mich nicht in Frage. Zum Dessert (Creme Catalan + Kirschtörtchen) mache ich ein Experiment – und zwar ein alkoholfreies Radler – das habe ich noch nie getrunken. Auch das passt perfekt.

Essen im Restaurant Fling

Dessert im Restaurant Fling

Innenbereich Restaurant Fling

Sudden Craftbier Death durch Aroma-Over-Kill

Morricone Tiramisu Stout
Das Morricone – an diesen Abend nicht das richtige Bier

Voll und zufrieden begeben wir uns nach einer kurzen Verschnaufpause im Hotel so um 22:30 Uhr ins van Moll und trinken dort zunächst das „Suspended In Mandarina“ Pale Ale von Siren Craft Brew. Das schmeckt ganz lecker. Auch das „Kiss From a Rose“ ein Witbier mit Litschis und Rosenwasser ist fantastisch. Dann mache ich den entscheidenden Fehler und bestelle einen Klassiker: Das Morricone Imperial Tiramisu Stout. Ein Bier mit 10,2 Prozent und zugefügtem Kaffee. Tiefschwarz im Glas und klebrig wie Zuckersirup. Ich bin gar kein Kaffeetrinker, aber zum Beispiel das Express Way von Two Roads trinke ich durchaus gerne. Aber das hier geht in dem Moment gar nicht. Schon der Geruch – wie eiskalter Expresso mit viel Alkohol. Ich versuche es in kleinen Schlückchen herunter zu kriegen, aber das hilft nicht. Mir wird fast schlecht und das liegt definitiv nicht am Alkohol, sondern an der penetranten Kaffeenote. Ich kann es nicht austrinken und ich kann mir nicht vorstellen, jetzt noch ein anderes Craftbier zu trinken, nicht mal ein Session IPA. Denn der ganze Mund ist belegt von diesem fiesen Kaffeearoma. Es tut mir leid, dass ich das so beschreibe, das Morricone ist wirklich ein tolles Bier und hat definitiv viele Fans, aber ich habe es leider als Katastrophe erlebt. Mittlerweile ist es auch schon 23:45 Uhr und wir entscheiden erstmal raus zu gehen und frische Luft zu schnappen.

Glückliches Ende mit billigem Sekt und Lagerbier

Minibar in EindhovenKirche mit Silvesterraketen in EindhovenAuf dem Kirchplatz um die Ecke hat sich mittlerweile eine große Menschenmenge versammelt und vorsorglich haben wir zwei kleine Sektfläschchen mitgenommen. Die Holländer knallen wie beim jüngsten Gericht, dreimal so viel und so laut wie in Deutschland. Da schießt jeder gefühlt 500 Euro in die Luft. Zum Jahreswechsel stoßen wir dann wie jedermann mit billigem Sekt an und siehe da das Kaffeearoma löst sich endlich auf – Gott sei Dank! Wir gehen dann auch nicht mehr ins Van Moll zurück, sondern in eine wunderbar normale Cocktailbar bzw. Stadtteilkneipe wo Jung und Alt, Einheimischer und Tourist – also einfach jeder – mit wässrigem aber super trinkbarem und billigem Lagerbier feiert. Und es ist großartig. Wieder was gelernt: Jedes Bier braucht seinen Rahmen. Als Kaminbier oder im Tasting wunderbar. Aber für mich bitte kein Morricone mehr an Silvester!

Extra-Tipp: Wanderung zum Kassteel Croy und Besuch der Brauerei Croy

Nur 15 Kilometer von Eindhoven entfernt findet sich ein weiteres Kleinod in Brabant: Das Schloss Croy und die gleichnamige Brauerei Croy, die unmittelbar neben dem Schloss liegt und wo es auch einen Gastraum mit schöner Außenterrasse und Blick aufs Schloss gibt. Leider war das Lokal am Neujahrstag geschlossen. Wir haben aber eine wunderschöne etwa 8 km lange Wanderung gemacht, die man auf Komoot findet. Wir müssen im Sommer unbedingt wieder kommen, dann ist es ein Traum hier zu sitzen, und leckeres, frisch gezapftes Bier zu trinken.

Schloss Croy Schloss Croy Wanderung zum Schloss Croy

 

 

 

 

 

Brauerei Croy Schloss CroyBrauerei Croy