Kopenhagens Craftbier- und Gastroszene: Ein Streifzug von der Geburtsstätte des modernen Industriebieres zu den quirligen Brewpubs in ehemaligen Schlachthöfen und exquisiten Gastrotempeln.

Brauen als Wissenschaft
Bier hat in Kopenhagen eine lange Geschichte. König Christian I. ließ 1473 Hopfen im eigenen Land anbauen, um weniger importieren zu müssen. Bis 1687 gab es in der Hauptstadt 140 Brauereien, die sämtlich obergärige Biere brauten. Diese Ale-Tradition endete im 19. Jahrhundert. Der Auslöser saß auf einem Hügel vor der Stadt: J. C. Jacobsen brachte 1845 untergärige Hefe aus der Münchner Spaten-Brauerei nach Kopenhagen und braute noch im selben Winter Lagerbier. 1847 gründete er daraufhin Carlsberg. Der Name verbindet den Vornamen seines Sohnes Carl mit dem dänischen Wort bjerg für Hügel oder Berg – Carlsberg bedeutet also „Carls Hügel“. Das Lagerbier verdrängte die älteren Bierstile rasch. Seit Carlsberg 1847 mit dem Verkauf begann, wurde Lager zum prägenden Bierstil in Dänemark.
Jacobsen verstand das Brauen als Wissenschaft. 1875 gründete er das Carlsberg-Laboratorium. Dort entwickelte Emil Christian Hansen 1883 ein Verfahren zur Reinzucht von Hefekulturen. Es ermöglichte, eine ausgewählte untergärige Hefe in reiner Kultur zu vermehren und damit Gärungen deutlich zuverlässiger und berechenbarer zu machen. Carlsberg gab den Stamm und das Verfahren an andere Brauer weiter, statt beides geheim zu halten. Damit legte das Labor einen wichtigen Grundstein für die moderne Lagerbierbrauerei weltweit. Doch das war nicht die einzige bedeutende Leistung des Carlsberg-Laboratoriums: 1909 führte der Chemiker S. P. L. Sørensen dort die pH-Skala ein. Sie machte den Säuregrad von Lösungen präzise messbar und half damit, chemische und biologische Prozesse – auch beim Brauen – besser zu verstehen und zu kontrollieren.
Pionier der Craftbierbewegung

Kopenhagen prägte nicht nur die Industrialisierung des Brauwesens, sondern auch den Aufstieg des dänischen Craftbiers. 2003 eröffnete der frühere Carlsberg-Braumeister Anders Kissmeyer das Nørrebro Bryghus. Der Brewpub orientierte sich an der amerikanischen Craftbierbewegung und wurde zu einem wichtigen Impulsgeber für kleine, unabhängige Brauereien in Dänemark. 2023 übernahm Royal Unibrew die Marke und die Brauerei.
Noch wichtiger für Kopenhagens Aufstieg zur Craftbier-Metropole war das Jahr 2006. Damals gründeten der Gymnasiallehrer Mikkel Borg Bjergsø und der Journalist Kristian Klarup Keller, beide erfahrene Hobbybrauer, Mikkeller. Das Unternehmen arbeitete zunächst als sogenannte Wander- oder Gypsy-Brauerei: Es besaß keine eigene Produktionsstätte, sondern ließ seine Biere bei anderen Brauereien herstellen. Der internationale Durchbruch gelang Ende 2006 mit Beer Geek Breakfast, einem Oatmeal Stout mit Kaffee. Das Bier wurde auf der internationalen Bewertungsplattform RateBeer zum besten Stout gewählt und machte Mikkeller weit über Dänemark hinaus bekannt.
Bjergsøs Einfluss reicht weiter, als der Firmenname vermuten lässt. Zwei seiner ehemaligen Schüler, Tore Gynther und Tobias Emil Jensen, beschäftigten sich in einer von Bjergsø betreuten Braugruppe mit dem Heimbrauen. 2010 gründeten sie To Øl, zunächst ebenfalls als Wanderbrauerei. Die ersten kommerziellen Biere entstanden in Zusammenarbeit mit anderen Brauereien; in den frühen Jahren vor allem in Belgien. Ebenfalls 2010 startete Bjergsøs Zwillingsbruder Jeppe Jarnit-Bjergsø Evil Twin Brewing, zunächst als Wanderbrauerei. Die Marke wurde international insbesondere mit experimentellen Bieren, Imperial Stouts und hopfenbetonten Bieren bekannt; ihr erstes eigenes festes Brauhaus eröffnete Evil Twin 2019 in Queens, New York.
Zur Szene gehörten bald auch eigene Bars, Taprooms und Brewpubs. Die Mikkeller Bar in der Viktoriagade eröffnete 2010 und war die erste Mikkeller Bar. WarPigs folgte 2015 als gemeinsames Brewpub-Projekt von Mikkeller und Three Floyds aus Indiana, USA. Kopenhagen verfügt heute über eine außergewöhnlich vielfältige Craftbier-Szene. Zu den wichtigen Veranstaltungen zählen die Mikkeller Beer Celebration Copenhagen, kurz MBCC, sowie Kalas, das Bierfestival der Kopenhagener Brauerei ÅBEN.
Mikkeller: von der Kellerbar zur Waterfront

Die Mikkeller Bar in der Viktoriagade ist von außen eine unscheinbare Kellerbar in Vesterbro. Doch innen erwartet die Gäste ein vom dänischen Designbüro Femmes Régionales gestalteter Raum, der klassische dänische Pub-Gemütlichkeit mit heller, unverkennbar skandinavischer Ästhetik verbindet. Die Karte setzt stark auf Mikkeller-Biere; dazu gibt es Snacks wie dänischen Käse und handgemachte Würste. Besonders reizvoll ist die umfangreiche Flaschenkarte mit gereiften Mikkeller-Abfüllungen aus den frühen Jahren der Brauerei sowie Gastbieren. Wer Mikkellers Firmengeschichte trinken möchte, ist hier richtig.
Das Flaggschiff der Mikkeller-Bars ist Mikkeller & Friends in der Stefansgade im Stadtteil Nørrebro. Die Bar ist für ihre große Auswahl an Fass- und Flaschenbieren bekannt: Neben Mikkeller finden sich dort auch Biere internationaler Brauereien, besonders aus den USA. Das farbenfrohe Interieur trägt deutlich die Handschrift des dänischen Künstlers Keith Shore.
Ganz anders wirkt Baghaven auf Refshaleøen, unweit des Streetfood-Markts Reffen. Die Location liegt direkt am Wasser, verfügt über eine große Terrasse und konzentriert sich auf Wild Ales, Saisons sowie weitere besondere Mikkeller- und Gastbiere. Von dort reicht der Blick über den Hafen bis zum Kastellet und zur Kleinen Meerjungfrau.
Warpigs: Texas-BBQ im Schlachthaus

Wer im Meatpacking District ankommt, landet fast zwangsläufig bei WarPigs. Das Brewpub eröffnete 2015 in einem ehemaligen Schlachthaus am Flæsketorvet und entstand als 50:50-Partnerschaft von Mikkeller und Three Floyds aus Indiana.
Gebraut wird vor Ort, serviert wird Texas-Style-Barbecue aus zwei großen Smokern. Im Glas dominieren hopfenbetonte amerikanische Ales, allen voran das IPA Lazurite. Dazu kommen wechselnde Gastbiere an insgesamt 22 Zapfhähnen.
Mikkel Bjergsø beschrieb die Idee als lauten, unkomplizierten Ort zwischen Texas-Barbecue, Bierhalle, Metal und militärisch-industrieller Ästhetik. Der Name WarPigs verweist sehr wahrscheinlich auf den gleichnamigen Black-Sabbath-Song von 1970.
BRUS: Die Brauerei der ehemaligen Schüler
BRUS in der Guldbergsgade 29F in Nørrebro ist der Brewpub von To Øl. Er wurde 2016 eröffnet. Das Bier legt von den Tanks bis ins Glas weniger als 20 Meter zurück. In der 750 Quadratmeter großen ehemaligen Eisenfabrik stehen Gärtanks, Eichenfässer und die Brauanlage. Dazu gehören eine Bar mit mehr als 23 Craftbieren und Cocktails vom Fass, ein Restaurant, eine Bodega sowie ein kleiner Shop. Die To-Øl-Gründer Tore Gynther und Tobias Emil Jensen besuchten früher das Gymnasium gleich um die Ecke. Man sitzt also fast an dem Ort, an dem die Geschichte von To Øl begann.
ÅBEN: Tanks unter der Decke

ÅBEN ÅBEN liegt im Meatpacking District an der Slagtehusgade 15. Das Gebäude war früher die Kühlhalle eines Schlachthofs. Heute wird das Bier direkt hinter der Bar gebraut: Nach der Gärung fließt es in 14 Stahltanks, die waagerecht unter der Decke hängen, und von dort ins Glas. Produktion und Gastraum sind kaum voneinander getrennt. Zwischen Tanks, Rohren und Brauanlage kann man das Brauen unmittelbar erleben; die offene Küche ist vom Gastraum aus sichtbar. Das Restaurant ist allerdings inzwischen dauerhaft geschlossen.
ÅBEN wurde von Philip Hulgaard gegründet und betreibt neben dem Standort in Kødbyen weitere Bars, darunter eine Craft-Beer-Bar in der historischen Kedelhallen von Carlsberg Byen. Dort stehen 14 Zapfhähne zur Verfügung. WarPigs liegt ebenfalls im Meatpacking District und ist von ÅBEN aus in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar.
Bicycle Brewing: Nano-Brauerei in Østerbro
Sehr klein und fast intim ist Bicycle Brewing in der Ålborggade 20 in Østerbro. Gegründet wurde die Brauerei 2016 von dem US-Amerikaner Alex Kunigenas und seiner Frau Kristina. Beide hatten mehr als 14 Jahre lang als Hobbybrauer gebraut und auf einer zwölfmonatigen Weltreise 44 Brauereien besucht. Der Taproom eröffnete 2018. Es gibt elf eigene Biere und Cider vom Fass sowie zwei Weine. Das Bier wird direkt vor Ort in 200-Liter-Chargen gebraut; vom Tank bis ins Glas sind es weniger als zwei Meter. Nach eigener Darstellung ist Bicycle Brewing damit Kopenhagens kleinster Brewpub und eine der kleinsten kommerziellen Brauereien Dänemarks.
Der Gastraum ist mit geschätzten 15 Quadratmetern winzig, sodass sich die Gäste bei gutem Wetter draußen vor der Tür aufhalten. Der Vorteil der engen Platzverhältnisse: Man kommt sofort ins Gespräch. Als ich dort war, habe ich mich den ganzen Abend mit den meisten der rund 15, überwiegend internationalen Gäste unterhalten.
Carlsberg: Zurück an den Ursprung
Wer tief in die Biergeschichte eintauchen möchte, für den ist ein Besuch des historischen Carlsberg-Areals im Westen von Vesterbro Pflichtprogramm. Das Museum Home of Carlsberg befindet sich auf dem Gelände der ursprünglichen Carlsberg-Brauerei, an dem J. C. Jacobsen 1847 sein erstes Carlsberg-Bier braute. Die Ausstellung erzählt die Geschichte der Familie Jacobsen, der Forschung im Carlsberg-Laboratorium, der Marke Carlsberg und natürlich des Biers. Zum Areal gehören historische Gebäude, die alten Keller, ein Innenhof mit Skulpturengarten sowie die Carlsberg-Pferde im Stall. Zusätzlich lassen sich eine Führung durch die historischen Keller und eine Bierverkostung buchen. Beide Angebote finden auf Englisch statt. Bei der Verkostung werden drei Biere in den alten Kellern präsentiert. (HomeofcarlsbergCopenhagen Card)
Auch das Areal selbst ist sehenswert. In Carlsberg Byen wurde von 1847 bis 2008 Bier gebraut; zahlreiche historische Brauereigebäude sind erhalten geblieben. Zu den bekanntesten zählt das Elefantentor von 1901, das Carl Jacobsen als Zugang zur Ny Carlsberg-Brauerei errichten ließ. Die vier Granitelefanten symbolisieren seine vier überlebenden Kinder. Carlsberg Byen ist – ebenso wie der nicht weit entfernte Meatpacking District oder der Streetfood-Markt Reffen auf Refshaleøen – ein Beispiel dafür, wie Kopenhagen industrielle Orte umnutzt und mit neuen Konzepten weiterentwickelt.
Copenhagen Distillery: Whisky, Gin und Aquavit
Nahe Reffen und Copenhill, an der Kløvermarksvej 70 D, liegt die Copenhagen Distillery. Sie befindet sich in einem ehemaligen Industrie- und Lagergebäude nahe Refshaleøen; von der Innenstadt aus liegt sie in Richtung Amager Strand. Die 2014 gegründete Brennerei produziert dänischen Whisky, Nordic Dry Gin und modernen Aquavit in kleinen Chargen. Für den Whisky verwendet sie nach eigener Angabe ausschließlich Bio-Gerste aus Dänemark, die anschließend in sorgfältig ausgewählten Fässern reift.

Die Copenhagen Distillery arbeitet mit Bio-Zutaten und produziert dänischen Whisky, Nordic Dry Gin und modernen Aquavit. Besucher können Führungen durch die Brennerei, Gin- und Spirituosenverkostungen, Whisky-Tastings sowie Workshops buchen. Dabei lässt sich unter anderem eine eigene Flasche Gin, Aquavit oder Spirituose herstellen.
Der Hintergrund: Bis 1973 lag die dänische Produktion von Spirituosen und Aquavit weitgehend in der Hand von De Danske Spritfabrikker. Mit Dänemarks Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft am 1. Januar 1973 endete dieses Produktionsmonopol. Die heutige dänische Craft-Spirituosen-Szene entwickelte sich jedoch vor allem später – begünstigt durch neue kleine Produzenten, gastronomischen Wandel und ein wachsendes Interesse an regionalen Rohstoffen, Handwerk und besonderen Geschmacksprofilen.
Kødbyen: Die Geschichte des Meatpacking District
Dass Warpigs und ÅBEN in Schlachthäusern sitzen, ist kein Zufall, sondern Stadtgeschichte. Der Meatpacking District, dänisch Kødbyen, liegt in Vesterbro zwischen den Gleisen des Hauptbahnhofs und der Sønder Boulevard.

Die Anfänge liegen im 19. Jahrhundert. Der älteste Teil, die Braune Kødby nahe dem Hauptbahnhof, entstand 1879 – in einer Zeit, in der Choleraepidemien und wachsende Bevölkerungsdichte die öffentliche Gesundheit in den Vordergrund rückten. 1888 wurde die Nutzung öffentlicher Schlachthöfe gesetzlich vorgeschrieben. Private Schlachtereien mussten ihre bisherigen Standorte aufgeben und in die neuen öffentlichen Anlagen umziehen.
Die Øksnehallen entstand 1901 nach Plänen des Stadtarchitekten Ludvig Fenger. Sie diente als zentrale Viehmarkthalle und war für bis zu 1.600 Rinder ausgelegt. Heute fasst sie bei Ausstellungen, Messen und Veranstaltungen bis zu 3.500 Gäste. Auch die Mikkeller Beer Celebration Copenhagen, kurz MBCC, wird dort veranstaltet.
Der zweite Bauabschnitt sieht deutlich anders aus. Die Weiße Kødby wurde im April 1934 eröffnet und gilt mit ihrer funktionalistischen Architektur als wegweisendes Ensemble für industrielle Fleischverarbeitung. Entworfen wurde sie vom Kopenhagener Stadtarchitekten Poul Holsøe. Die Weiße Kødby und große Teile der Braunen Kødby stehen heute unter Denkmalschutz. Der Wandel begann um die Jahrtausendwende. Die Stadt erkannte, dass die funktionalistischen Bauten nicht nur für Metzger und Lebensmittelbetriebe interessant sein könnten. Daraus entstand die Vision eines kulturellen und gastronomischen Schmelztiegels. Weil die Stadt Kopenhagen Eigentümerin aller Immobilien in Kødbyen ist, konnte sie die Entwicklung gezielt steuern.
Mit dem Programm „Meat and Creativity“ warb die Kommune über langfristige Mietverträge gezielt um Design-, Gastronomie- und Hospitality-Unternehmen. Zugleich sollte das Programm die verbliebenen Fleisch- und Lebensmittelbetriebe am Standort sichern. Kødbyens Fiskebar gehörte zu den ersten Restaurants, die den Wandel zum Foodie-Viertel mit anstießen. Heute arbeiten in Kødbyen weiterhin Metzger und andere Lebensmittelproduzenten – neben Künstlern, Designern, Fotografen und Gastronomen. Auch die Straßennamen erinnern an die Vergangenheit: Flæsketorvet bedeutet „Schweinemarkt“.
Gaumenfreuden für jeden Geschmack
Louche: Feuer, Säure und späte Stunde
Wie lebendig das Viertel weiterhin ist, zeigt Louche, das am 4. September 2026 in der Slagtehusgade 22 in der Grünen Kødby eröffnet hat. Das Restaurant und die Bar verteilen sich über zwei Etagen: unten wird über offenem Feuer gekocht, oben gibt es eine Bar. Auf der Speisekarte stehen Gemüse, Fisch und Fleisch vom Grill, dazu Spieße, Eingelegtes, Pickles und Fermentiertes. An der Bar gibt es Cocktails und Mocktails, eisgekühlte Biergläser, ein eigenes Bier, Bloody Marys und Austern.

Der Name erklärt das Konzept. „Louche“ bezeichnet den Moment, in dem Wasser auf Absinth trifft und sich die zuvor klare Flüssigkeit milchig eintrübt. Ursache ist der sogenannte Louche-Effekt: Ätherische Öle aus Anis und Fenchel werden bei sinkendem Alkoholgehalt sichtbar und bilden eine feine Emulsion. Diese Verwandlung vom Klaren ins Trübe dient dem Restaurant als Bild: Nichts soll steif oder übertrieben geschniegelt wirken. Musik, Licht, Barleben und die späte Stunde gehören zum Erlebnis. Mitinhaber Rasmus Pors beschreibt Louche als bewusst kleiner als andere Projekte seines Teams – und gerade deshalb als einen Ort mit eigener, persönlicher Atmosphäre. Wichtig sei ihm das Analoge: Feuer in der Küche, Handwerk im Glas und Musik, die swingt.

Ich habe in dem kleinen Restaurant mitten im Meatpacking District einen wunderbaren Abend erlebt. Wir wurden wie Freunde begrüßt und waren sofort Teil einer Gemeinschaft aus Gästen, Köchen und Servicepersonal. Hier habe ich wirklich verstanden, was „Hygge“ bedeutet. Das Menü war fantastisch. Wir saßen direkt an der offenen Küche und konnten beobachten, wie jedes Gericht zubereitet wurde. Jeder Gang wurde von einem Koch erklärt; auch die Getränkebegleitung mit Cocktails, Bier und Sake war außergewöhnlich gut.
noma: ein neues Kapitel auf Refshaleøen
Wenn man bereit ist, für Spitzenküche tief in die Tasche zu greifen, sollte man einen Besuch im Restaurant noma erwägen. Das Haus stand fünfmal an der Spitze von The World’s 50 Best Restaurants und gilt als einer der wichtigsten Taktgeber der New Nordic Cuisine. 2018 zog noma an die Refshalevej 96 auf Refshaleøen. Am früheren Standort in der Strandgade befindet sich heute das Restaurant Barr.
2023 kündigte Mitgründer und Küchenchef René Redzepi an, den regulären Restaurantbetrieb Ende 2024 zu beenden und noma in ein stärker forschungs- und produktorientiertes Konzept zu überführen. Im März 2026 zog er sich nach Berichten über Vorwürfe ehemaliger Mitarbeitender von körperlicher und psychischer Gewalt aus der Leitung zurück. Redzepi entschuldigte sich öffentlich und erklärte, die Verantwortung für sein früheres Führungsverhalten zu übernehmen. Statt ausschließlich als Food-Labor weiterzuarbeiten, kehrte noma im Sommer 2026 überraschend zum regulären Restaurantbetrieb zurück. Seit dem 5. August 2026 kocht das Team wieder auf Refshaleøen, nun unter einer neuen Führungsstruktur. Die Karte folgt zwölf monatlichen „Mikrosaisons“ und rückt die Saisonalität der Zutaten noch stärker in den Mittelpunkt.

Die drei Michelin-Sterne führt noma derzeit nicht, weil das Restaurant nach der Schließung zu Beginn des Jahres 2026 nicht im aktuellen Kopenhagener Guide bewertet wurde. Ich habe mir nur die frei zugänglichen Gewächshäuser unmittelbar neben dem Restaurant angesehen. Auf einen Besuch habe ich verzichtet, weil dafür eine Reservierung lange im Voraus notwendig gewesen wäre.
Reffen: Streetfood im Container
Deutlich entspannter – und nur wenige Minuten von noma entfernt – geht es bei Reffen zu. Der Markt entstand 2018 auf einem staubigen, vernachlässigten Hafengelände zwischen alten Werkstätten und Lagerhallen. Heute bezeichnet sich Reffen als Nordeuropas größter Streetfood-Markt. Auf dem weitläufigen Gelände direkt am Wasser gibt es mehr als 30 Essensstände, etwa zehn Bars, Kreativwerkstätten und eine Brauerei. Viele der festen Stände sind in farbenfrohen, ausgedienten Schiffscontainern untergebracht, die für eine neue Nutzung umgebaut wurden. Dazu kommt ein dichtes Kulturprogramm mit Konzerten, DJ-Sets, Street-Art- und Kreativworkshops, Floh- und Kunsthandwerksmärkten sowie saisonalen Festivals.

Refshaleøen war mehr als ein Jahrhundert lang Standort der Werft Burmeister & Wain, und der Industriecharakter ist bis heute sichtbar. Vom Reffen-Gelände blickt man über den Hafen auf die Kopenhagener Innenstadt. Die Hauptsaison von Reffen läuft traditionell von Mitte März bis Ende September. Inzwischen verlängert Reffen die Saison aber bis in den Herbst und Winter – mit Kulturveranstaltungen, Familienangeboten, Halloween- und Weihnachtsprogramm sowie zeitweise auch einer Eisbahn. Reffen erreicht man aus der Innenstadt gut mit dem Fahrrad, dem Bus oder dem gelben Hafenbus. Wer hier isst, kann den Besuch mit Mikkeller Baghaven verbinden: Die Location liegt ebenfalls auf Refshaleøen, direkt am Wasser, und verbindet Craftbeer vom Fass mit einem weiten Blick über das Hafenbecken. Direkt auf dem Reffen-Gelände braut außerdem die kleine Reffen Brewery eigene Craftbiere.
Was man vorher wissen sollte

Mit dem dänischen Begriff „Hygge“ verbinden viele Menschen in Deutschland zunächst einen Deko-Trend: ein gemütliches Interior mit Wolldecken, Kerzen und Kaminfeuer. Im Dänischen ist Hygge jedoch weniger ein Einrichtungsstil als eine Atmosphäre – ein Zustand von Geborgenheit, Nähe und entspannter Gemeinsamkeit. Es geht darum, dem Alltagstempo für eine Weile zu entkommen und mit Menschen, die einem wichtig sind, eine gute Zeit zu verbringen.
Das Wort kam aus dem Norwegischen ins Dänische und tauchte dort gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstmals schriftlich auf. Seine sprachlichen Wurzeln reichen weiter zurück ins Altnordische; dort bezeichnete ein verwandter Begriff Schutz vor der Außenwelt. Im Dänischen kann hygge als Substantiv verwendet werden, hyggelig bedeutet etwa „gemütlich“ oder „angenehm“, und at hygge sig heißt, es sich gut gehen zu lassen oder eine gute Zeit zu haben. Hygge braucht keine perfekte Kulisse. Oft reichen eine überschaubare Runde, Zeit ohne Termindruck und eine Umgebung, in der niemand etwas darstellen oder leisten muss. Sie kann still sein, bei Kerzenlicht und Essen am Küchentisch – aber ebenso laut, in einem vollen Restaurant oder Pub. Entscheidend ist, dass die Atmosphäre den Menschen dient und nicht umgekehrt.
Ein Ausdruck dieser Kultur sind die langen Gemeinschaftstische, die man in vielen Restaurants und Pubs findet. Sie machen es leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen. Hygge heißt also nicht zwangsläufig Ruhe; es bedeutet vielmehr, dass Menschen sich wohl, sicher und zugehörig fühlen. Dieses Lebensgefühl habe ich in Kopenhagen erst auf den zweiten Blick gefunden. Vielleicht lag das auch an meinen sehr hohen Erwartungen. Fast jeder, den ich kenne und der schon einmal in Kopenhagen war, erzählte begeistert von den Fahrradwegen und dem gelungenen Städtebau – als habe die Stadt den Autoverkehr aus dem Zentrum verbannt und sich vollständig in eine Idylle aus bunten Häusern, Segelbooten und Hafenblicken verwandelt. Ganz so idyllisch habe ich Kopenhagen allerdings nicht immer und überall erlebt.
Autoverkehr. Kopenhagen ist zweifellos eine Fahrradstadt: Rund 62 Prozent der Menschen, die in der Stadt arbeiten oder studieren, fahren mit dem Rad zur Arbeit beziehungsweise zur Ausbildung. Dennoch ist der Autoverkehr unübersehbar. Die Stadt versucht gegenzusteuern: Ein Abschnitt der Vesterbrogade am Tivoli wurde vom 1. Mai bis zum 1. Dezember 2026 testweise für den Autoverkehr gesperrt. Busse, Fahrräder und Fußgänger können die Strecke weiterhin nutzen. Für Besucher heißt das: Zwischen den einzelnen Hotspots sind Fahrrad, Metro und Hafenbus meist die bessere Wahl. Wer zu Fuß unterwegs ist, sollte besonders auf den dichten Radverkehr achten.
Ich persönlich habe das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt – verstärkt durch Baustellen und Staus – als ähnlich anstrengend empfunden wie in Köln, München oder Berlin. Erschwerend kam hinzu, dass ich meist mit Hund unterwegs war und die breiten, getrennten Radwege deshalb nur selten nutzen konnte. Die Distanzen zwischen vielen Sehenswürdigkeiten sind zudem größer, als das kompakte Zentrum zunächst vermuten lässt. Für mich ließ sich Kopenhagen zu Fuß deshalb weniger bequem erkunden als andere Städte.

Hohe Preise. Kopenhagen ist teuer – auch im europäischen Vergleich. Dänemark gehört bei den Verbraucherpreisen regelmäßig zu den teuersten Ländern der EU. Für ein Craftbier im 40-cl-Glas zahlt man im Taproom meist etwa 60 bis 95 DKK, also rund 8 bis 13 Euro. An einer Terrasse am Nyhavn können es auch 75 bis 110 DKK sein. Zu den wichtigsten Kostentreibern zählen hohe Löhne und Gewerbemieten, die dänische Mehrwertsteuer von 25 Prozent sowie die Alkoholsteuer. Die Preise auf Speise- und Getränkekarten enthalten die Mehrwertsteuer bereits.
Das größere Loch ins Reisebudget reißen jedoch meist Restaurants und Hotels. Für ein Essen im Restaurant sollte man mindestens etwa 30 Euro pro Person einplanen – nach oben gibt es kaum Grenzen. Auch die Streetfood-Märkte sind deutlich teurer, als der Begriff „Streetfood“ zunächst vermuten lässt. Trinkgeld ist in Dänemark freiwillig; der Service ist im ausgewiesenen Preis enthalten. Wer besonders zufrieden war, kann natürlich aufrunden. Unser eher schlichtes Zwei-Zimmer-Apartment in einem Hotel im Stadtteil Nordhavn kostete zum Beispiel 300 Euro pro Nacht. Für einen Stellplatz in der Tiefgarage kamen weitere 40 Euro pro Tag hinzu.

Sehr touristische Stadtteile. Nyhavn und die Umgebung des Tivoli zählen zu den Orten, an denen Bier besonders teuer ist. Wer dort auf einer Terrasse sitzt, zahlt oft auch für die Aussicht und die zentrale Lage. Auch Vesterbro und Kødbyen sind längst keine Geheimtipps mehr. Kødbyen gehört zu den Kopenhagener Bereichen mit vergleichsweise großzügigen Nachtlizenzen. Deshalb bleibt das Viertel häufig länger belebt, während viele Bars in Nørrebro früher schließen. Grundsätzlich müssen dänische Lokale um Mitternacht schließen; für längere Öffnungszeiten benötigen sie eine besondere Nachtgenehmigung, die – je nach Kategorie – bis maximal 5 Uhr reichen kann.
Wer es ruhiger und oft etwas weniger touristisch mag, findet in Nørrebro, Østerbro oder in traditionellen Kneipen eher alltägliches Kopenhagener Nachtleben. Das bedeutet allerdings nicht automatisch niedrige Preise: Auch dort sind Craftbier und Gastronomie auf Kopenhagener Niveau. Außerhalb der Hochsaison kann sich die Reise finanziell doppelt lohnen. Gerade Hotelpreise schwanken stark nach Monat, Wochentag, Ferienzeiten, Messen und Großveranstaltungen. Laut dänischem Hotelpreisindex war ein Juni 2026 rund 47 % teurer als der Februar.
Meine Tipps für Kopenhagen
Öffnungszeiten und Angebote ändern sich schnell. Ein Blick auf die Website vor dem Besuch spart Enttäuschungen.
Brewpubs und Brauereien
- Brus (Guldbergsgade 29): Der Hotspot für Craftbeer-Liebhaber in Kopenhagen. Ins Leben gerufen von der berühmten To Øl Brauerei, deren Stahltanks mitten im Raum stehen. An der riesigen Bar gibt es immer 32 wechselnde Biere vom Fass.
- Warpigs Brewpub (Flæsketorvet 25): Must Go im Meatpacking District. Riesiger Brewpub mit ca. 20 Taps und auf Texas BBQ spezialisierten Küche.
- ABEN Kødbyen im Meatpacking District (Slagtehusgade 15): Ein hypermoderner Brewpub im alten Schlachthaus. Die Brauerei hat weitere tolle Bars in Aarhus, Carlsberg Byen, Norhavn und Roskilde. In allen Bars gibt es kostenlose Wasserzapfstellen.
- Amager Bryghus mit Taprooms an Nørreport und Bryggen: Am Nørreport sind zehn von 15 Zapfhähnen mit eigenen Bieren belegt.
- Bicycle Brewing (Alborggade 20, Osterbro): winziger Brewpub der Bicycle Brewery, der eher von Locals besucht wird.
Taphouses und Bars
- Fermentoren (Halmtorvet 29C, Kødbyen): 24 Zapfhähne, darunter Hausbiere der zugehörigen Dry & Bitter Brewing Company, und ein großer Biergarten.
- Taphouse (Lavendelstræde 15): Hier gibt es sage und schreibe 61 ständig wechselnde Zapfhähne.
- Færgekroen am Tivoli-See: Ein altes Fachwerkhaus, in dem Mikkeller eigenes Bier zu klassisch dänischer Wirtshausküche ausschenkt.
- Mikkeller Baghaven (Refshalevej 169B) direkt am Wasser im Bereich des Reffen Street Food Market gelegen mit bester Aussicht und 15 Zapfhähnen.
- Mikkeller & Friends (Stefansgade 35): Trendige Mikkeller Bar mit rund 40 Zapfhähnen an denen neben dem eigenen Bier auch Bier von anderen Brauereien ausgeschenkt wird.
- Mikkeller & Friends Bottleshop (Torvehallerne 21, Hal 1, E4) Direkt in der Markthalle gelegen. Bottleshop mit großem Sortiment und Ausschank.
- Mikkeller Bar Viktoriagade (Viktoriagade 8, B-C) Stylische Kellerbar mit 21 Zapfhähnen, die alle mit Bieren von Mikkeller belegt sind.
- Bootleggers (Linnésgade 16D): Craftbeer-Bar mit rund 20 Zapfhähnen, es gibt an insgesamt sieben Standorten Bootleggers Bars in Kopenhagen
- Tandem Craft Beer, Cider & Food (Århusgade 27): gemütliche Bar nicht weit von der Bicycle Brewery entfernt.
- Peders Craft Beer Bar (Sankt Peders Stræde 31): Gemütliches Kellerlokal mit 16 Zapfhähnen und seltenen Flaschen und Dosen.

Brennereien
- Copenhagen Distillery (Kløvermarksvej 70d): Sehr schöne kleine Brennerei, die einen Barbereich, Touren, Events und Tastings anbietet.
- Braunstein (Carlsensvej 5, rund 45 Kilometer von Kopenhagen entfernt in Køge): Die Brüder Michael und Claus Braunstein brauen Bier und brennen preisgekrönten Whisky. Neben der Brauerei am Hafen gibt es eine große Bar. Ein Tagesausflug lohnt sich.
Restaurants
- Restaurant Barr (Strandgade 93): Am früheren ersten Standort des noma, mit Bierbar und Gerichten, die oft mit Bier gekocht werden. Hier gibt es neben Austern und Kaviar auch Deftiges wie Hering Smørrebrød und das berühmte Barr´s Wiener Art Schnitzel in einem edlen Ambiente.
- Noma (Refshalevej 96): Der neue Standort des ehemalig „besten Restaurants“ der Welt.
- Louche (Slagtehusgade 22): Mein Tipp im Meatpacking District. Fantastische Tasting Menüs, Austern oder Yakis. Für den kleinen Hunger gibt es auch Small Plates und Snacks. Tolle Atmosphäre mit direktem Blick in die Küche.
- Kødbyens Fiskebar (Flæsketorvet 100): Fischrestaurant und Pionier im Meatpacking District.
- Ramen to Bíiru Vesterbro (Enghavevej 58): Die Ramen-Küche von Mikkeller gibt es an mehreren Standorten in Kopenhagen.













