Craftquelle Bonn

Münsterland: Brauer, Brenner, Hofläden und Herrenhäuser

Wer das Münsterland erkundet, tritt in eine Region ein, in der Landwirtschaft, Handwerk und kulinarische Genüsse auf harmonische Weise miteinander verwoben sind. Inmitten weitläufiger Parklandschaften, majestätischer Wasserburgen sowie idyllischer Auenlandschaften und vogelreicher Rieselfelder entfaltet sich eine bemerkenswerte Dichte an Brauereien, Brennereien und Hofläden.

Hier radelt man auf den berühmten „Pättkes“ – den kleinen, naturnahen Wirtschaftswegen – und lässt sich von der malerischen Landschaft mit Getreidefeldern, Obstwiesen und Backsteinbauernhöfen verzaubern. An genau den Orten, wo früher ausschließlich für den Eigenbedarf gebraut und gebrannt wurde, erlebt das Handwerk nun eine wahre Renaissance: authentisch, kompromisslos und tief in der Region verwurzelt.

Kemker Kultuur: Historisches Bier, modern gedacht

In Everswinkel/Alverskirchen einem kleinen Dorf in der Nähe von Münster liegt mit Kemker Kultuur eine der spannendsten Adressen der europäischen Farmhouse- und Sauerbier-Szene – ein Ort, an dem historische Brauweisen nicht museal gepflegt, sondern zeitgemäß neu interpretiert werden. Die Biere basieren auf Mischgärungen mit wilden Hefen und Bakterien, reifen monatelang bis jahrelang in Holzfässern und holen ihren Charakter aus dem, was die Region hergibt: eigene Getreide, eigene Mikroflora, ein eigener Hofkosmos.

Bauernhof in der Nähe von Münster.
Die Brauerei Kemker Kultuur befindet sich auf einem Bauernhof in der Nähe von Münster

Besonders faszinierend ist der Fokus auf alte Getreidesorten wie die nahezu vergessene schwarze Pfauengerste, die den Bieren eine eigenständige Textur und Aromatik verleiht – fernab stromlinienförmiger Industriebier-Profile. Zu den Bieren gesellen sich Kartoffeln aus eigener Produktion und Cider, die denselben Ansatz verfolgen: regionale Rohstoffe, spontane oder langsame Fermentation, viel Zeit und handwerkliche Detailverliebtheit. Wer hier probiert, schmeckt nicht nur „Bier“, sondern ein Terroir – das Münsterland im Glas, mit all seinen Getreidefeldern, Obstwiesen und Holzfässern.

Jan Kemker und Christoph Steinhauer in der Brauerei mit Flasche und Glas.
Links Brauer Jan Kemker und rechts Biersommelier Christoph Steinhauer

Kemker Kultuur (kein Schreibfehler – die Schreibweise ist bewusst historisch gewählt) ist eine noch junge Brauerei: Jan und seine Partnerin Nicole begannen 2017, Biere nach traditionellen Vorbildern zu brauen. Im Laufe der Zeit hat sich daraus jedoch weit mehr als nur eine Brauerei entwickelt. In der eigenen Backstube entstehen zum Beispiel rustikale Sauerteigbrote, deren Kruste beim Anschneiden verheißungsvoll knackt.

Fässer in denen Bier reift.
Fast alle seine Biere von lässt Jan Kemker in Fässern reifen

Heute ist Kemker Kultuur ein Ort, an dem Landwirtschaft, Forschung und Genuss miteinander verschmelzen – und an dem man schmecken kann, was gelebte Regionalität bedeutet. Neben dem regelmäßigen Werksverkauf an Samstagen laden Jan und Nicole auch zu kulinarischen Veranstaltungen und Verkostungen ein – bei gutem Wetter sogar unter freiem Himmel.

Eine schöne Auswahl der Biere von Kemker Kultuur sowie Spirituosen regionaler Brennereien habe ich natürlich mitgebracht. Ihr könnt sie bei meinem Werksverkauf in der Brauwerkstatt kaufen oder in einem meiner Tastings demnächst verkosten.

Brennerei Gerbermann: Die gläserne Brennerei in Everswinkel

Gebäude in dem der Hofverkauf stattfindet.

Nur wenige Kilometer weiter setzt die Brennerei Gerbermann auf echte Transparenz – im wahrsten Sinne des Wortes. Als „gläserne Brennerei“ gewährt sie ihren Besucherinnen und Besuchern Einblicke in jeden Schritt der Herstellung – vom Maischebottich bis zur abgefüllten Flasche. Im Mittelpunkt stehen dabei alte Getreidesorten wie Dinkel und Emmer. Sie dienen hier nicht als nostalgisches Zitat vergangener Zeiten, sondern werden bewusst aufgrund ihrer charakteristischen Aromen verwendet: mit nussigen Nuancen und würziger Tiefe.

Besonders faszinierend ist der Single Grain Whisky, der aus diesen ursprünglichen Getreidesorten destilliert und anschließend sorgfältig im Fass gereift wird. Das Ergebnis sind Destillate mit ausgeprägtem Getreidecharakter statt bloßer Fassdominanz – mal nussig, mal brotig, gelegentlich von feinen Vanille- und Holznoten begleitet. Ein Whisky-Stil, der sich von schottischen Vorbildern unterscheidet und zugleich das Münsterland als traditionsreiche Kornkammer neu interpretiert.

Brennerei Böcker: Jahrgangskorn und Hofkultur am Forstmannshof

Richtung Lüdinghausen, mitten in der idyllischen Parklandschaft, liegt der Forstmannshof – Heimat der Brennerei Böcker. Wer hier ankommt, entschleunigt automatisch. Backstein, alte Bäume, Hofatmosphäre – das Münsterland wie aus dem Bilderbuch.

Forstmannshof - Eingang zum Hofverkauf.
Bei Hofverkauf kann man alle Spirituosen der Brennerei probieren

Böcker versteht sich als Manufaktur im wahrsten Sinne des Wortes: Hier wird mit handwerklicher Präzision destilliert – Jahrgang für Jahrgang. Jeder Jahrgangskorn erzählt die Geschichte seines Erntejahres, geprägt von Wetter und Boden – ein Ausdruck von Terroir im besten Sinne. Ergänzt wird das Sortiment durch erlesene Liköre, Brände und feinste Spirituosen.

Im Hofladen und Café werden diese Spirituosen in einen umfassenden Genusskontext eingebettet – begleitet von regionalen Produkten, hausgemachten Kuchen aus eigener Backstube und dem Blick auf die Felder, von denen die Rohstoffe stammen. Hier kann der interessierte Gast verkosten, verweilen, ins Gespräch kommen und den Hof mit all seinen Facetten erleben. So schmeckt gelebte Regionalität.

Weitere Adressen: Von Lagerkorn bis Bio-Pionierbier

Christoph Steinhauer beim Einkauf von Spirituosen.
Christoph Steinhauer beim Einkauf

Neben den genannten lohnt sich ein Besuch bei einer Reihe von weiteren, regionalen Produzenten, wie zum Beispiel:

  • Feinbrennerei Sasse (Schöppingen): Berühmt für den „Lagerkorn“, der in Holzfässern reift und eine Brücke zwischen Kornbrand und Whisky schlägt – mit betonter Getreidenote, reifer Fasswürze und klarer regionaler Identität.
  • Pinkus Müller (Münster): Die älteste Bio-Brauerei Deutschlands und ein Pionier für ökologische Rohstoffe im Bier, lange bevor „Craft“ zum Schlagwort wurde.
  • Pott’s Brauerei (Oelde): Bekannt für urige, regional verwurzelte Biere und das Pott’s Brau- & Backhaus mit Schaubrauerei, Bäckerei und Gastronomie – ein Erlebnisort für Familien und Bierfans gleichermaßen.
  • Brennerei Schulze Rötering (Ahlen): Klassische westfälische Kornkompetenz, weiterentwickelt zu feinen Spirituosen, Likören und Spezialitäten, die häufig direkt ab Hof verkauft und verkostet werden können.

Direkt ab Hof: Warum der Einkauf hier besonders ist

Flasche mit Aoltbier von Kemker

Der Einkauf direkt ab Hof ist hier nicht nur eine gern gepflegte Tradition, sondern weit mehr als ein praktischer Vertriebsweg. Viele der angebotenen Produkte entstehen unmittelbar neben dem Wohnhaus – und werden nicht aus fernen Ländern importiert.

Das macht den Besuch von Hofläden so besonders:

  • Authentizität: Man trifft die Menschen hinter den Produkten.
  • Frische: Kurze Wege, ehrliche Rohstoffe, saisonaler Bezug.
  • Probieren erwünscht: Kosten, schnuppern, Fragen stellen – ausdrücklich erlaubt.
  • Vertrauen: Namen, Gesichter, Familien – nicht nur Marken.

Reisetipps: Ein Wochenende zwischen Schlössern, Sudkesseln und Brennblasen

Das Schöne an dieser Region: Man kann sie genüsslich im eigenen Tempo erfahren – idealerweise mit dem Rad.

Herrschaftliches Schloss im Münsterland.

1. Auf der 100-Schlösser-Route unterwegs

Innenstadt von Münster - Prinzipalmarkt.
  • Die 100-Schlösser-Route führt in verschiedenen Schleifen an Burgen, Herrenhäusern und Landgütern vorbei – perfekt, um Besuche bei Brauereien und Brennereien einzubauen.
  • Kombinationen wie „Morgens Schloss Nordkirchen, nachmittags Forstmannshof mit Brennerei Böcker“ oder „Radtour durchs Umland, abends Verkostung bei Kemker Kultuur“ bieten sich an.

2. Stadt Münster als Basislager

  • Münster mit Prinzipalmarkt, Dom, Aasee und Kneipenszene ist ein idealer Ausgangspunkt: Abends in der Altstadt ein Pinkus-Bier, tagsüber Ausflüge in die Region.
  • Viele Höfe und Brennereien sind mit dem Rad oder per kurzer Bahnfahrt plus Rad gut erreichbar.

3. Übernachten im Grünen

Weg durch Rieselfelder bei Münster.
  • Zahlreiche Landhotels, Ferienwohnungen auf Bauernhöfen und kleine Pensionen liegen strategisch günstig zwischen den Genussadressen.
  • Wer mit Rad reist, plant Etappen von 40–60 km, kombiniert Besuche von Brauereien/Brennereien mit Café-Stopps auf Hofläden und vermeidet so, dass Degustation und Straßenverkehr in Konflikt geraten.